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Verwaister Teil des Jüdischen Friedhofes wieder instand gesetzt


Am 8. April wurde der jüdische Friedhof in Strelitz-Alt, auf dem unter anderem auch der Sprachforscher und Neustrelitzer Ehrenbürger Daniel Sanders begraben ist, nach erfolgter Instandsetzung gemeinsam mit Vertretern der Jüdischen Gemeinde wieder eingeweiht. Daran nahm neben Bürgermeister Andreas Grund und Stadtpräsident Vincent Kokert auch Landesrabbiner William Wolff teil. Nach der Rückübertragung eines lange Jahre verwaisten Teils an die jüdische Gemeinde im Jahr 1998 wurden die Instandsetzungsarbeiten zwischen 2001 und 2004 ausschließlich durch Neustrelitzer Firmen und den städtischen Regiehof durchgeführt. Das Innenministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern unterstützte die Arbeiten mit 39000 Euro.


Im Jahr 2001 wurde die Natursteinmauer repariert und neu verfugt. Diese Arbeiten führten die DUS GmbH und die Firma Baureparaturen Runge aus. 2002 nahm der Regiehof eine Grundreinigung vor, begradigte die Fläche trug Mutterboden auf und säte Rasen an. Der hintere Bereich bekam einen neuen Zaun. 2003 legte die Firma Werner Bau eine Verbindung zwischen beiden Friedhofsteilen an. Die Firma Metallbau Stettin baute ein neues Tor ein. Die Firma Raemisch fertigte eine Gedenktafel und einen Stein mit einer Hinweistafel an. Im vergangenen Jahr wurden durch die Firma Ueckert Bau 92 Grabsteinteile aufgenommen, sortiert, gereinigt und an der Natursteinmauer angebracht.

Der Bürgermeister und der Landesrabbiner dankten in Ansprachen allen beteiligten Unternehmen und Mitarbeitern aus Neustrelitz für die erbrachten Leistungen. „Das erkennen wir in der jüdischen Gemeinde hoch an.“, sagte Wolff.


Grund und Wolff bezeichneten es als besonderes Zeichen, dass der Friedhof von nun an von jungen Inhaftierten der Neustrelitzer Jugendanstalt gepflegt wird. „Ich halte das für ein wichtiges Zeichen gelebter Auseinandersetzung mit unserer deutschen Geschichte“, sagte der Bürgermeister. Landesrabbiner Wolff betonte, dass mit dem Friedhof ein Stück Geschichte erhalten werde, die alle bereichert. „Die Geschichte des Friedhofes ist deutsch-jüdische Geschichte. Sie lehrt, dass es tragische, aber auch harmonisch-produktive Phasen im Zusammenleben gegeben hat. Wir können von diesem Friedhof Mut und Inspiration für heutige Integration von Juden schöpfen.“





Aus der Geschichte des Friedhofes





Die Geschichte des jüdischen Friedhofes ist eng verbunden mit der Geschichte der Strelitzer Juden.


Die kleine Residenzstadt Strelitz hatte früher eine große jüdische Gemeinde. 1704 ließen sich die ersten drei jüdischen Familien hier nieder. Wegen ihrer guten geographischen Lage, als Kreuzungspunkt aller wichtigen Straßen in Mecklenburg-Strelitz, war die Stadt als Ausgangsort für die Geschäfte der jüdischen Handelsleute hervorragend geeignet. Um sich in Strelitz ansiedeln zu können, bedurften die jüdischen Familien der Zustimmung des Landesherren. Der erteilte ihnen einen so genannten Schutzbrief. Dafür mussten sie Schutzgeld bezahlen und wurden fortan „Schutzjuden“ genannt.


1760 lebten in Strelitz schon 60 jüdische Familien mit etwa 420 Personen. Mit dem Anwachsen der Zahl jüdischer Einwohner in Strelitz bildeten sie mit Erlaubnis des Landesherren eine eigene jüdische Gemeinde. 1763 weihte diese Gemeinde in Gegenwart von Herzog Adolf Friedrich IV. ihre Synagoge ein.


Bereits um 1720 hatten jüdische Bürger einen Platz für ihre Toten gekauft, weit außerhalb der Stadt. Hier am Kalkhorstweg war der „Gute Ort“, der ihren Verstorbenen ewige Ruhe garantieren sollte. Die Ewigkeit dauerte aber nur etwas mehr als 200 Jahre. Mit der Machtergreifung Hitlers begannen die unzähligen Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung. Sie gipfelten in der Pogromnacht am 9. November 1938.


Auch in Strelitz-Alt, nun ein Stadtteil von Neustrelitz, wurde die Synagoge in Brand gesteckt, wurden jüdische Bürger in so genannte Schutzhaft genommen, verfolgt und vertrieben. Vor ihrem Friedhof hatte man keine Achtung mehr, die Nazi-Behörden nahmen ihn ins Visier.


Im Mai 1941 schlug die NSDAP des Gau Mecklenburgs den Ober- und Bürgermeistern der Städte vor, die zu dem Zeitpunkt noch lebenden Juden nach ihrem Tod nicht mehr auf dem Judenfriedhof ihres Wohnortes beizusetzen, sondern auf Sammelfriedhöfen, die noch einzurichten wären. Man bezog sich auf einen Runderlass des Reichsministers des Innern und des Reichsministers für kirchliche Angelegenheiten vom Februar 1941 und hoffte, dadurch die Frage der Judenfriedhöfe zu lösen. Den Zeitumständen geschuldet, hatte die jüdische Gemeinde kurz vorher, im April 1941, fast die Hälfte des Geländes an ihren langjährigen Friedhofswärter verkauft.


1943 erteilte die Abteilung Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung des Mecklenburgischen Staatsministeriums Schwerin dem Neustrelitzer Oberbürgermeister die Genehmigung, den Friedhof einebnen zu lassen. Wegen Arbeitskräftemangel im Stadtbauamt wurde das Vorhaben verschoben.

In diesem Zusammenhang steht ein vertrauliches Schreiben des Konservators und Heimatforschers Walter Karbe, das er im September 1943 an den Regierungsbaurat Brückner in Neustrelitz und Studienrat Hollmann in Schwerin richtete mit dem Anliegen, diesen kulturhistorisch wertvollen Ort zu erhalten. Er schrieb, „dass sich der Strelitzer Friedhof mit dem als Sehenswürdigkeit weltbekannten Rest des Prager Ghetto-Friedhofes vergleichen lässt. Er zeichnet sich teils durch schöne Baumgruppen, teils durch dichtes Gebüsch aus, und das Wurzelwerk hat die einst geraden Reihen der alten Grabsteine in malerische Unordnung gebracht. Dem jetzigen Zustand der beginnenden Verwüstung muss ein Ende gemacht werden. Schon sind in die massive Umfassungsmauer mehrere Breschen geschlagen, vermutlich, um sie als Steinbruch zu benutzen und deutsche Jugend übt ihre Kräfte an der Standfestigkeit jüdischer Grabstelen. Einer besonderen Pflege bedarf der Friedhof nicht, dessen Reiz gerade in seiner Urwüchsigkeit liegt.“


Der Begräbnisplatz wurde nicht geschliffen. Aber 1944 verfügte der Reichsminister für Finanzen, dass jüdische Friedhöfe an die Gemeinden, in denen sie sich befinden, einschließlich der Grabsteine veräußert werden können. Im Oktober 1944 machte die Stadt Neustrelitz davon Gebrauch und kaufte vom Großdeutschen Reich die zweite Hälfte des Friedhofes.


Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gab es in Strelitz-Alt nicht einen einzigen Angehörigen der jüdischen Religionsgemeinschaft.

Im September 1945 besichtigte Walter Karbe das Friedhofsgelände und stellte fest, dass durch Fällung einer starken Kiefer mehrere alte Grabsteine umgeworfen und beschädigt, neuere Steine mit Mutwillen umgestoßen waren. Aber nach wie vor würde der Ort noch den selben malerischen Eindruck wie früher machen.


Von 130 Grabstellen ist in den Akten die Rede. Das Belegungsbuch ist nicht mehr vorhanden, so dass nicht alle Namen der vielen Toten bekannt sind.


Im April 1939 ist der aus Neubrandenburg stammende David Tumbowsky vermutlich als Letzter hier bestattet worden. Davor waren es die Geschwister Sara und Frieda Lewinsky aus Altstrelitz, die sich nach den Ereignissen des 9. November 1938 beide das Leben genommen haben.

Nicht zu vergessen sind der Landesrabbiner Dr. Jakob Hamburger, der Sprachgelehrte und Ehrenbürger der Stadt Strelitz Prof. Dr. Daniel Sanders.


1949 übernahm die Ortsgruppe der Altstrelitzer Freien Deutschen Jugend für kurze Zeit die Patenschaft. In Wochenendeinsätzen beseitigten die Jugendlichen Schutt, Unrat und wildes Strauchwerk. Wesentliche Unterstützung erhielten sie von einer Gruppe Jugendlicher aus der Jugendstrafanstalt in Strelitz-Alt, in deren Werkstätten ohne großen Kostenaufwand ein neues Tor angefertigt wurde. Doch ihre anfängliche Begeisterung für diese Sache ließ bald nach.

1949 meldeten sich beim Bezirkskonservator Adolf Hollnagel die Kinder von David Tumbowsky. Sie wollten ihrem verstorbenen Vater im Nachhinein noch einen Grabstein setzen. Doch die Grablage konnte nicht mehr ausfindig gemacht werden. 1950 wiesen sie auf den schon wieder verwahrlosten Zustand des Friedhofs hin. Adolf Hollnagel schrieb daraufhin an den Rat der Stadt Neustrelitz, „ich habe mich für Neustrelitz geschämt“.


1961 wurde ein kleiner Teil des Friedhofs als Gedenkstätte hergerichtet. Zuvor hatte man die Namen von den noch vorhandenen Grabsteinen aufgelistet und dann die Steine verkauft. Über 60 sind es gewesen. Die Grabdenkmale von Dr. Hamburger und Prof. Dr. Sanders befinden sich auf diesem Ehrenhain, der am 8. Mai 1961 der Bevölkerung übergeben worden ist.

(Christiane Witzke, Stadtarchiv)




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