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Ausstellung „Daniel Sanders 200“

Vom 17.März bis zum 2. Juni 2019 und im November 2019 zeigt das Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz die Ausstellung "Daniel Sanders 200". Sie veranschaulicht das Leben und Wirken des berühmten Lexikografen und Sprachwissenschaftlers aus Mecklenburg-Strelitz. Denn im Jahr seines 200. Geburtstags ist es angebracht, diesen Mecklenburger erneut einem größeren Publikum näher zu bringen.

Daniel Hendel Sanders (1819–1897) gilt bis heute als einer der bedeutendsten Lexikographen des 19. Jahrhunderts. Sein dreibändiges Wörterbuch der deutschen Sprache (1859–1865) machte den aus Mecklenburg-Strelitz stammenden Oberlehrer über die Grenzen des deutschsprachigen Raums hinaus berühmt. Doch Sanders’ Lebensweg zeichnet sich nicht nur durch sprachwissenschaftliche Arbeiten aus. Politisches Wirken, schriftstellerische und übersetzerische Tätigkeit sowie ein großes Interesse an der neugriechischen Sprache und der mecklenburger Mundart sind weitere Schwerpunkte seiner Arbeit. Doch Sanders unterscheidet sich in der Art der Wissensvermittlung von vielen seiner Zeitgenossen durch seine aufklärerische Haltung – Bildung steht hier als zentrales Mittel für einen mündigen Bürger.


Die frühe Zeit

Der am 12. November 1819 geborene Sanders wechselt nach dem Besuch der „öffentlichen und Frei-Schule“ der jüdischen Gemeinde Strelitz im Alter von zwölf Jahren 1832 auf das Gymnasium Carolinum nach Neustrelitz. Die erst Anfang des 19. Jahrhunderts errichtete Anstalt bildet viele in Politik und öffentlichem Leben bekannte Persönlichkeiten aus. Sanders und Schliemann, Archäologe und Entdecker Trojas, erinnern sich gerne ihrer gemeinsamen Schulzeit: 
"Welche lange Reise von Jahren liegt zwischen der Zeit, die wir gemeinsam auf der Schule verlebt, und dem Augenblick, wo mir der gefeierte und ruhmgekrönte Gelehrte entgegentrat, welcher durch seine mit dem wichtigsten und sichern Blicke vorgenommenen Ausgrabungen den Forschern von ihnen kaum geahnte Schätze erschlossen und dadurch seinen Namen mit unvergänglichen Buchstaben für immer der Geschichte der Wissenschaft einverleibt hat." (Sanders an Heinrich Schliemann, Altstrelitz, 15.06.1884)

 
In Berlin vertieft Sanders sich zunächst in die Studien der Mathematik und Naturwissenschaften. Alsbald wird er unter anderem von Jacob Grimm in das Fach der Philologie eingeführt, bevor er an der Philosophischen Fakultät der Universität Halle promoviert. Nach seinem Studium 1842 bekleidet Sanders das Amt des Leiters der jüdischen Freischule in Strelitz.

Die finanzielle Situation der israelitischen Gemeinde scheint schon in den Jahren vor der Schließung der „öffentlichen und Frei-Schule” in Strelitz angespannt. Bereits im Dezember 1850 schreibt Sanders an den Vorstand der Gemeinde, dass er „[...] seit August d.J. kein Gehalt erhalten habe [...].” (Sanders an die israelitische Gemeinde, Altstrelitz, 31.12.1850)

Immer wieder bekommt Oberlehrer Sanders Rückzahlungen oder wird vertröstet – die Situation bleibt jedoch unverändert. Im November 1851 fordert er erneut rückständige Gehälter ein und übergibt schließlich den Fall an seinen Anwalt, den Stadtrichter und Advokaten Karl Petermann aus Strelitz. 
Die großherzogliche Landesregierung strebt eine umfassende Schulreform an, welche auch unmittelbare Auswirkungen auf die „öffentliche und Frei-Schule“ in Strelitz hat. Gegen Ende des Jahres 1851 erhält Sanders ein Schreiben der israelitischen Gemeinde: "Von der Großherzogl., hohen Landesregierung ist uns heute die Weisung geworden, daß [...] christliche Kinder in der jüdischen Schule hierselbst über all nicht mehr zugelassen und schon von Michaelis d. J. ab keine mehr neu aufgenommen werden sollen. Theils aus diesem Grunde, da die jüdische Schule nach Entziehung des von den christilichen Kindern beigetragene Schulgeldes nicht wird bestehen können [...] müssen wir Ihnen vorläufig erklären, daß der Ihnen unterm 17 September 1842 [...] Contract als Oberlehrer der öffentlichen und Freischule hierselbst [...] als aufgehoben anzusehen ist." (Israelitische Gemeinde an Sanders, Altstrelitz, 25.09.1851)


Der Lexikograph

Besondere Beachtung findet vor allem eine Schrift, deren erster Teil 1852 erscheint: Das deutsche Wörterbuch von Jakob Grimm und Wilhelm Grimm, kritisch beleuchtet . Die Kritik, ein Wort lediglich von seinem Ursprung und nicht aufgrund seines gegenwärtigen Gebrauchs zu denken, befeuert eine öffentliche Diskussion in der philologischen Gelehrten-Welt.

 "Rechnen Sie nun noch hinzu, geehrter Herr, daß das Grimmsche Werk, – wie ich in meiner Kritik überzeugend nachgewiesen zu haben glaube, – in Bezug auf logische Anordnung, Uebersichtlichkeit und praktische Brauchbarkeit auch nicht von Weitem den Vergleich mit seinen Vorgängern aushält, je daß es – weit entfernt davon, ein geordnetes Buch zu sein – sonst nur chaotisch durcheinander liegende Materialien zu einem solchen von größerem oder geringerem Werth enthält, daß es also nur Sprachforschern vom Fach willkommen sein kann, denen es an der Sammlung eines zu verarbeitenden Stoffes gelegen ist [...]." (Sanders an Karl Gutzkow, Altstrelitz, 07.07.1853.) 
Schon 1854 bringen seine Arbeiten zur Philologie, seine Erfahrungen als Lehrender und seine Affinität zu Fremdsprachen Sanders auf die Idee eines eigens angefertigten Wörterbuchs der Deutschen Sprache . Angeregt durch Sanders’ Kritik am Grimm’schen Wörterbuch, wird später der Verlag von Otto Wigand auf ihn aufmerksam. Das Angebot, eine inhaltlich strukturierteres, umfassenderes und für das Bildungsbürgertum geeigneteres Wörterbuch zu verfassen, nimmt Sanders schließlich an.

In seinem Programm eines neuen Wörterbuches der deutschen Sprache von 1854 legt Sanders sein lexikographisches Konzept und exemplarische Wörterbuchartikel vor. Trotzdem ist sein Entschluss „Privatgelehrter“, Lexikograph oder Übersetzer zu werden, noch nicht endgültig gefasst. Nach dem Erscheinen seines Programms schreibt er noch an seinen alten Studienfreund Moritz Carrière:  "Augenblicklich privatisiere ich hier in Strelitz, nachdem die Schule, deren Direktor ich gewesen, „eingegangen worden“ ist; vielleicht komme ich aber später mehr in Deine Nähe, wenn ich dem an mich ergangenen Ruf, die Direktorstelle an der jüdischen Realschule in Frankfurt a/M. zu übernehmen Folge leiste, worüber ich mich noch nicht entschieden." (Sanders an Moritz Carrière, Altstrelitz, 29.09.1854) 

Doch Sanders entscheidet sich gegen eine Anstellung an der jüdischen Realschule in Frankfurt. Seit 1859 erscheinen auch die ersten Lieferungen seines deutschen Wörterbuchs. Schnell scheint im begreiflich zu sein, welche große Arbeitslast er sich aufgebürdet hat. So schreibt er an seinen alten Freund Adolf Glaßbrenner:  "Von allen geplagten Wesen auf Erden ist ein deutscher Lexikograph vielleicht das Geplagteste! – keine Pause, keine Ruhe, keine Rast!" (Sanders an Adolf Glaßbrenner, Strelitz, 12.02.1859)

 


Die letzte Lieferung des Wörterbuchs erscheint 1865. Das große lexikographische Werk „aus einem Guss” ist abgeschlossen. Sanders´ Wörterbuch erfährt aufgrund seiner komplexen Struktur viel Kritik, wird aber auch von breiten Teilen der Bevölkerung angenommen. Es stellt ein erstes umfassendes lexikographisches Werk des Autors dar – in den nächsten Jahrzehnten folgen viele weitere.

Auch die Orthographie ist eines der Kernthemen von Sanders. Neben seinen orthographischen Wörterbüchern publiziert er unzählige Artikel zur einheitlichen deutschen Rechtschreibung. Eingeladen vom preußischen Kultusminister, ist Sanders neben Konrad Duden 1876, einer der Teilnehmer an der Ersten Orthographische Konferenz. Das eigentliche Ziel, eine Einigung zur Herstellung einer einheitlichen deutschen Rechtschreibung, wird aber nicht erreicht.

Sein großes Wörterbuch vervollständigt Sanders 1885 mit dem Ergänzungswörterbuch der deutschen Sprache . Besonders interessant erscheint, dass Sanders dazu zur Mitarbeit an die deutschen Bürger aufruft. "Für dieses vaterländische Werk glaube ich die Theilnahme aller Deutschen nach Kräften in Anspruch nehmen zu dürfen [...] durch die Mittheilung der in meinem „Wörterbuch der deutschen Sprache" bemerkten Lücken, Unvollständigkeiten, Ungenauigkeiten, Mängel [...]." (Aufruf Daniel Sanders’ in der Berliner National-Zeitung vom 05.01.1878).

Im Juli 1877 wird Sanders von Friedrich Wilhelm Großherzog von Mecklenburg-Strelitz zum Professor ernannt. Zu seinem 70. Geburtstag, am 12. November 1889, verleiht die Stadt Strelitz ihm die Ehrenbürgerschaft. Am 11. März 1897 stirbt Daniel Hendel Sanders im Alter von 77 Jahren in seiner Heimatstadt Strelitz.

 

Ausstellung " Daniel Sanders 200 "
Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz, Schloßstraße 12/13
17.3. bis 2.6.2019 und Oktober bis Mitte November 2019
Eröffnung: 16.3.2019 um 15 Uhr

Öffnungszeiten: täglich außer Montag 10 bis 18 Uhr
Eintritt: 2 Euro, ermäßigt 1 Euro

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Bildnachweis: Alle Abbildungen: Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz
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